Der Not keinen Schwung lassen

Auf die Plätze, die Vorstellung geht los.


Gretel: Kasperl, weißt du eigentlich, warum ich dich so lieb hab’?

Kasperl: Ja klar! Weil … weil … weil …

Gretel: … weil du der Kasperl bist.

Gretel: (Umarmt ihn) Weil du immer so lustig bist.


Umarme den Kasperl in dir.

Bergauf gehn, wenn’s bergab geht

Gerne würde ich schreiben: „Du entscheidest, was du aus deinem Leben machst.“ Aber das stimmt nur begrenzt. Wenn du als Mädchen in Kabul geboren wirst, hast du sehr viel weniger Möglichkeiten, als wenn du eine Schule besuchen darfst. Zudem haben wir schon im Vorwort festgestellt, dass das Unglück auch ohne Einladung kommt.

Martin, ein hervorragender Fotograf und sehr guter Freund von mir, ging wegen Kribbeln in den Händen zum Arzt und bekam die Diagnose ALS. Bald konnte er keine Kamera mehr halten und den Auslöser nicht mehr drücken. Die Muskellähmung schritt schnell voran. Was sollte er noch aus seinem Leben machen? Alles, was er sich schließlich wünschte, war ein schmerzloser Tod. Da kein Palliativplatz frei war, hörte er auf zu essen und zu trinken und ist qualvoll gestorben.

Mir ist vollkommen klar, dass wir nicht immer bestimmen können, was wir aus unserem Leben machen. Manchmal wird uns das Leben vollständig aus der Hand genommen. Aber im Normalfall können wir zumindest entscheiden, wie wir auf die Vorfälle des Lebens reagieren.

Als mein Vater tödlich verunglückte, hatte meine Mutter bereits zwei Kinder, meinen älteren Bruder und mich, und war mit dem dritten Kind schwanger. Ihre Devise war immer: „Der Not keinen Schwung lassen“. Sie blieb optimistisch und tatkräftig. Es gelang ihr, ein Reihenhaus in unserem Dorf zu kaufen, sie machte den Führerschein, schaffte sich für 190 DM einen alten dunkelgrünen VW Käfer an, mit dem sie in die Arbeit fuhr, und gründete später ein Maklerbüro.

Ein Schulfreund hatte ein ähnliches Schicksal. Finanziell stand seine Mutter weitaus besser da als meine, denn ihr Mann hatte ein Mietshaus hinterlassen, von dem die Familie gut leben konnte. Dennoch herrschte dort immer eine dunkle, bedrückte Stimmung.

Jedenfalls in einem gewissen Ausmaß ist jeder seines Glückes Schmied, und oft auch der Schmied seines Unglücks, denn am einfachsten ist es, sich gehen zu lassen und die Schuld für alles Negative in unserem Leben, je nach Lust und Laune, dem Pech, den Umständen, den anderen in die Schuhe zu schieben. Dann muss man nichts ändern, muss sich nicht anstrengen und hat immer einen Sündenbock.

Sehr viel produktiver ist es, wenn ich selbst die Verantwortung übernehme für die Situation, in der ich gerade bin. Das heißt nicht, dass ich mir lähmende Selbstvorwürfe machen soll. Im Gegenteil. Wenn ich die Verantwortung trage, habe ich Macht, die Macht, etwas zu verändern.

Und auch wenn wir das im Augenblick nicht glauben können: wenn die Nacht am tiefsten, ist oft der Tag am nächsten. Die Zeit läuft weiter und unsere Perspektive ist nur die jetzige Perspektive. Im Nachhinein entpuppt sich ein scheinbares Unglück manchmal als Glücksfall.

Da unsere Miete schon deutlich über dem Mietspiegel lag, stimmten wir der letzten Mieterhöhung nicht zu. Seit 27 Jahren wohnten wir hier. Hier waren unsere Kinder aufgewachsen. Die Kündigung auf Eigenbedarf ließ nicht lange auf sich warten. Wer die Mietsituation in München kennt, weiß, was das bedeutet. Die Wohnungssuche beanspruchte unsere gesamte Zeit und Energie. Jeden Abend gab es Tränen. Jetzt, drei Jahre später, sind wir dankbar für die Kündigung, denn wir hatten das große Glück, ein noch schöneres Zuhause zu finden.

Und wenn die schwarzen Wolken ganz tief hängen, wenn es nur noch bergab geht? Versuch der Not keinen Schwung zu lassen, versuch bergauf zu gehen. Freu dich an etwas Schönem. Lächle. Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Weck den Kasperl in dir. Küss ihn wach, und wenn er dich aufheitern will, dann mach mit. Bitte. Sonst wird Kasperl traurig, und wenn Kasperl traurig wird, dann geht die Welt unter, und du willst doch nicht am Weltuntergang schuld sein, oder?!

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