Du bist ein Wunder aus Sternenstaub

Vorhang auf in der Bühne in deinem Kopf.


Kasperl: (Greift wild in der Luft herum, atemlos) Ich will mein Leben in die Hand nehmen! Aber wie soll ich das machen?

Gretel: (Lacht) Indem du die Verantwortung für dein Leben übernimmst und entsprechend handelst. Das Wort „Hand“ steckt übrigens im Wort „handeln“. Du kannst also sofort beginnen.

Kasperl: Ach, wie klug du bist. Und im Wort „Verantwortung“ steckt „Antwort“. Darf ich dir also eine Antwort geben…

Gretel: … ja, gib mir die Antwort auf die Frage, wofür du Verantwortung übernehmen sollst.

Kasperl: Na, für mein Leben.

Gretel: Genau. Und um zu verstehen, was das ist, lautet die Frage …

Kasperl: Hoho, die Gretelfrage: was ist mein Leben, wer bin ich – erkenne dich selbst und so. Das ist mir zu abgehoben! (Nimmt einen tiefen Schluck aus einem Maßkrug, beißt genüsslich in eine große Wurst. Spricht mit vollem Mund weiter.) Die Frage „aus was bin ich“, die kann ich schon eher beantworten.

Gretel: (verdreht die Augen in den Himmel) Mein geliebter Kasperl, du bist aus Sternenstaub.

Kasperl: (Steckt die Wurst in den Maßkrug und schlägt sich die Hände vor die Stirn) Ach, Gretel!


Hat Gretel vielleicht sogar recht?

Das Universum entsteht

Vor unvorstellbaren 13,8 Milliarden Jahren beginnt der Raum sich auszudehnen. Diesen Anfang nennen wir Urknall.

Dank einer Idee von Carl Sagan können wir uns den Zeitablauf seitdem dennoch gut vorstellen: Wir packen die ganze Geschichte des Universums in ein Kalenderjahr: jetzt ist der 31. Dezember, 24:00 Uhr, und am 1. Januar um 0:00 Uhr fand der Urknall statt. Ein Tag in unserem kosmischen Jahr dauert 38 Millionen Jahre, eine Stunde 1,6 Millionen Jahre und eine Sekunde 440 Jahre.

Die Erde entsteht

Der Urknall erzeugt Wasserstoff und Helium. Diese Atome sind so alt wie das Universum. Älter geht’s nicht.

Die schwereren Atome entstehen durch Kernfusion im Inneren von Sternen: der Kohlenstoff, der deine Zellen zusammenhält, der Sauerstoff im Wasser, aus dem du zu über der Hälfte bestehst.

H2O. In jedem Wassermolekül stecken zwei Atome vom Anfang der Zeit und eines aus dem Inneren eines Sterns.

Große Sterne kollabieren, explodieren, schleudern ihre Materie ins All. Daraus bilden sich neue Sonnensysteme. Unsere Sonne entsteht vor rund 4,6 Milliarden Jahren, Ende August in unserem kosmischen Jahr. Kurz darauf, vor rund 4,54 Milliarden Jahren, am 2. September, formt sich aus kosmischem Staub unser Planet Erde.

Das Leben entsteht

Vor rund 3,7 Milliarden Jahren, Ende September, regt sich erstes Leben auf der Erde. Ein Molekül mit einer revolutionären neuen Eigenschaft entsteht: Es kopiert sich selbst. Das geschieht zweieinhalb Milliarden Jahre lang. Jede neue Zelle ist mit der vorherigen identisch.

Vor rund einer Milliarde Jahren, am 3. Dezember, wird das einer Rotalge zu langweilig. Bangiomorpha pubescens heißt das älteste Lebewesen, bei dem sich männlich und weiblich unterscheiden lassen. Die sexuelle Fortpflanzung mischt das Erbgut und schafft unzählige Varianten. Einige immer besser an die verschiedenen Lebensbedingungen angepasst als die anderen. Das ist der Turbozünder der Evolution.

Damit wir den ganzen Stress, den die die sexuelle Fortpflanzung mit sich bringt, auf uns nehmen, erfindet die Evolution den Spaß am Sex und den Sexualtrieb. Durch unzählige Paarungen, Zufälle, Anpassungen und Abspaltungen entwickeln sich alle Arten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, und alles, was heute lebt.

Ohne Unterbrechung reicht deine biologische Abstammungslinie zurück bis zu jenem ersten Molekül. Alle deine Vorfahren sind erfolgreich und überleben, zumindest lange genug, um sich fortzupflanzen. Sie schwimmen durch urzeitliche Meere, kriechen an Land, bekommen Augen, um zu sehen, beginnen aufrecht zu gehen, entwickeln ein immer größeres Hirn und Hände mit Daumen.

Wir entstehen

Vor 3,3 Millionen Jahren, also vor zwei Stunden, nimmt eins dieser Wesen einen Stein in seine Hand und schlägt ihn so auf einen anderen Stein, dass Stücke abspringen und eine scharfe Kante entsteht. Dieser kantige Stein erweist sich als sehr praktisch beim Ausgraben von Wurzeln, beim Jagen und beim Kämpfen. Darum beschlagen sie weitere Steine. So beginnen sie erste Werkzeuge herzustellen.

Vor etwa einer Million Jahren, vor vierzig Minuten, fährt wie so oft ein Blitz in einen Baum, aber statt zu fliehen, streckt einer seine Hand aus und greift sich einen brennenden Ast. Sie tragen ihn in ihre Höhle, füttern ihn mit dürren Zweigen und wachen über ihr Feuer, damit es nicht erlischt. Jetzt können sie ihr Essen kochen. Sie nehmen die Nahrung besser auf, und ihr hungriges Hirn kann wachsen.

So entstehen wir, mit unserem großen Hirn, die wir uns Homo sapiens nennen. Uns gibt es seit rund 300.000 Jahren, seit elf Minuten.

Vor etwa 130.000 Jahren, vor fünf Minuten, beginnen wir miteinander zu sprechen und erzählen uns Geschichten. Wir betrauern und bestatten unsere Toten und verstehen, dass auch wir sterben werden. Wir erfinden Riten und Religionen, um Halt zu finden und uns alles zu erklären. Vor 40.000 Jahren oder anderthalb Minuten, bemalen unsere ersten Künstler mit ihren Händen die Wände unserer Höhlen.

Dann geht alles ganz schnell. Wir bestellen Felder, züchten Schafe und Ziegen, bauen Häuser, Schiffe, Straßen, erfinden das Rad, gründen die ersten Städte und führen Kriege. Wir erfinden die Schrift und die Zahlen, um Abgaben und Schulden festzuhalten und den Lauf der Gestirne zu berechnen. So erfinden wir den Kalender, damit wir zur rechten Zeit säen. Wir teilen den Tag in Stunden, um uns verabreden zu können. Wir gründen Länder und führen wieder Kriege. Wir erfinden das Geld, das uns erlaubt, Waren leichter zu tauschen. Wir erringen und verlieren die Demokratie, erfinden die Dampfmaschine, das Fahrrad, die Eisenbahn, das Auto, das Internet, das Mobiltelefon und die KI, die es lange nicht schafft, Finger richtig darzustellen. Wir erfinden Impfstoffe, die Waschmaschine und Kochrezepte, wir schreiben Gedichte und Symphonien, spielen Schach und Fußball, bauen den Eiffelturm und drehen den Film „Modern Times“.

Wie wir in unseren modern times leben, verdanken wir unseren Vorfahren und Mitmenschen. Und all das, vom ersten Saatkorn bis zu diesem Buch, geschieht in den letzten 13.000 Jahren, in den letzten 30 Sekunden unseres kosmischen Jahres.

Du entstehst

Es ist ein gigantischer Massenstart. Bis zu einer halben Milliarde Teilnehmer rasen los. Alle wollen das Gleiche. Nur einer kann gewinnen. Ganz selten gibt es zwei erste Plätze, aber fast immer scheitern alle. Doch dieses Mal glückt es einer Samenzelle deines Vaters, mit einer Eizelle deiner Mutter zu verschmelzen. Innerhalb von 24 Stunden teilt sich die befruchtete Eizelle das erste Mal. Dann wieder. Und immer wieder.

Nach etwa drei Wochen formt sich ein winziges Rohr, Vorläufer von Gehirn und Rückenmark. Dein Herzchen beginnt zu pochen, kleiner als ein Stecknadelkopf.

In der vierten Woche wachsen dir am Hals Wülste. Würdest du ein Fisch, würden daraus Kiemen. In deinem Fall entstehen daraus Unterkiefer, Kehlkopf und deine winzigen Gehörknöchelchen, Hammer, Amboss und Steigbügel. Durch sie hörst du die Stimme, die dir hoffentlich gerade „ich liebe dich“ ins Ohr flüstert.

In der sechsten Woche hast du einen Schwanz mit einem Dutzend Wirbeln, länger als die Knospen, aus denen deine Beine werden. Damit du Radfahren kannst, bildet er sich ab der achten Woche zurück. Übrig bleibt dein Steißbein.

Am Ende des zweiten Monats sind alle grundlegenden Strukturen angelegt. Es gibt Augen hinter geschlossenen Lidern, Händchen mit fünf winzigen Fingern.

Nach neun Monaten wird das neue Menschlein geboren. Es beginnt zu schreien mit seiner einzigartigen Stimme. Wenn etwas seine Handfläche berührt, greift es zu und lässt nicht mehr los.

Dieses neue Menschlein bist du. In unserem kosmischen Jahr bist du am 31. Dezember entstanden, im letzten Bruchteil der letzten Sekunde vor Mitternacht. Du bist ein Wunder aus Sternenstaub.

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